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Garmischer Therapiekonzept chronischer SchmerzverstärkungssyndromeTherapieDie umfangreiche Problematik mit ihren bio-psycho-sozialen Auswirkungen erfordert immer eine multidisziplinäre Behandlung bei der der Patient und die Familie den Mittelpunkt bilden. Der ärztlich-medizinischen Therapie stehen gleichwertig die psychologische Behandlung, pflegerische Betreuung, Physiotherapie, Ergotherapie sowie eine sozialpädagogische Betreuung zur Seite. In unserer Spezialklinik haben wir ein eigenes Therapiekonzept entwickelt, mit dem wir in den letzten Jahren gute Erfahrungen gemacht haben. TherapiezieleDem verständlichen Wunsch von Patienten und Eltern, die Schmerzen möglichst rasch zu reduzieren, kann zunächst nicht entsprochen werden. Der Schmerz hat eine Funktion im Leben des Kindes und der Familie übernommen. Wir konzentrieren unsere Behandlung darauf, dem Kind wieder Erfolgserlebnisse zu vermitteln, sein Selbstbewußtsein und seine Autonomie zu stärken. Wo immer möglich werden psychische Konflikte angesprochen und nach gemeinsamen Lösungen gesucht. Medikamentöse TherapieSie besitzt bei den chronischen Schmerzverstärkungssyndromen einen geringen Stellenwert. Schmerz- und entzündungshemmende Medikamente wirken wenn überhaupt nur vorübergehend. Es erschreckt uns immer wieder, wie viele Medikamente die Kinder täglich einnehmen, obwohl sie keinerlei Besserung verspüren. Wir beenden meist nach Absprache mit dem Kind die regelmäßige Schmerzmedikation und stellen ein Medikament auf Bedarf oder als Brückentherapeutikum zur Verfügung. Die Erfahrung zeigt, dass diese Bedarfsmedikation eher selten abgerufen wird. Die Patienten bevorzugen Lokalmaßnahmen wie Kälte- oder Wärmepackungen für schmerzhafte Bereiche. Im Hinblick auf die zentrale Ursache des Schmerzes werden für die chronischen Schmerzverstärkungssyndrome sogenannte coanalgetisch wirkende Medikamente angeboten, die in den Stoffwechsel des ZNS eingreifen. Hierzu gehören trizyklische Antidepressiva sowie Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Sie können auch bei Kindern und Jugendlichen insbesondere in Schubsituationen sinnvoll sein. Ihre Effektivität ist jedoch begrenzt, ihre Wirkung tritt zeitverzögert ein. Die Indikation sollte kritisch und eher zurückhaltend gestellt werden. Seit Einführung unseres Therapieprogramms konnten wir den Medikamentenverbrauch bei unseren jugendlichen Patienten drastisch reduzieren. Medizinische InformationIm Vordergrund der ärztlichen Therapie steht, neben dem Ausschließen wichtiger o.g. Differentialdiagnosen, den Patienten und den Familien umfassende Informationen über das Erkrankungsbild und die Therapiemöglichkeiten zu geben. Die Patienten fühlen, dass man sie und ihre Beschwerden ernst nimmt, dass sie nicht alleine sind, dass es therapeutische Möglichkeiten gibt, dass der chronische Schmerz seine Funktion als Warnsignal verloren hat, und dass er als Schmerz seine destruierende (z.B. gelenkschädigende) Kraft verloren hat. Unsere Patienten werden motiviert trotz der Schmerzen ihren Aktions- und Bewegungsradius zu erweitern und gegen den Schmerz aufzustehen um wieder Freude an den alltäglichen Tätigkeiten zu finden. Erfahrungsgemäß folgt der Steigerung der körperlichen Aktivität zeitlich verzögert eine Schmerzreduktion. Psychologische BetreuungDie psychologische Betreuung der Schmerzpatienten auf Station 6 umfaßt drei grundlegende Bausteine: Die Kinder und Jugendlichen nehmen an Gesprächen teil, es wird darüber hinaus ein gruppentherapeutisches Programm angeboten, und nicht zuletzt spielen in der Behandlung gerade der jüngeren Patienten Elterngespräche eine wichtige Rolle.
Einzelgespräche Inhalt und Struktur der Einzelgespräche sind im Wesentlichen durch die Wünsche und das Wollen der Patienten bestimmt. Schwerpunkte können auf die Entwicklung der sozialen oder kommunikativen Kompetenz gelegt werden, auf die Verbesserung von Körperwahrnehmung und Körperschema. Oder aber das Gespräch dreht sich um die Auseinandersetzung mit der Krankheit als lebensbestimmender Realtität. Unsere Erfahrung zeigt und die Forschung belegt, dass das Ringen der Patienten um Worte ihr Schmerzerleben in Richtung einer Entlastung verändern kann. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob im Gespräch die Wahrnehmung körperlicher Prozesse beschrieben, ob eine Begegnungserfahrungen in Worte gefaßt oder sonstige Gedanken präzise sortiert und formuliert werden. Die Schmerzen verschwinden durch diese meist ungewohnte Konzentration auf ein eigenes Erleben zwar nicht unmittelbar, aber das Erleben der Patienten wird auf eine veränderte Basis gestellt, wenn ihre Wahrnehmungsfähigkeit auf möglichst vielen Ebenen gefordert ist. Mit einfachen Worten ließe sich sagen: die Vergrößerung der Reizvielfalt im Leben der Patienten läßt ihrem Schmerz weniger Raum, er wird dadurch regelrecht verdrängt.
Gruppenangebote Dasselbe Ziel verfolgt das psychologische Gruppenangebot, bei dem neben der Wahrnehmung und Entwicklung innerer Prozesse die Begegnung der Patienten untereinander und mit den Betreuern eine wesentliche Rolle spielt. Die Gruppentherapie will neben der Vermittlung von Entspannungstechniken, Visualisierungs- und Körperwahrnehmungsübungen den Kindern und Jugendlichen zu einem wertschätzenden Umgang mit ihrem Körper verhelfen, was sich insgesamt günstig auf das durch Schmerz- und Schlafmangel gestörte psycho-vegetative System auswirkt.
Elterngespräche Die Krankheit ihres Kindes bewegt Eltern immer zutiefst und hat greifbare Auswirkungen auf ihren Alltag. Insofern läßt sich die Schmerzerkrankung eines Kindes nicht behandeln, ohne Auswirkungen auf die übrigen Familienmitgliedern mit zu berücksichtigen und ihnen im Rahmen des Möglichen Unterstützung anzubieten. Wir tun dies durch ein Gesprächsangebot, das entweder als Einzelgespräch mit Teammitgliedern stattfinden kann oder als große Runde mit dem Gesamtteam bzw. Teilen des Schmerzteams. Eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen, die nicht nur durch ein somatisches Korrelat erklärt sind, spielt die innerfamiliäre Kommunikation. So läßt sich oft schon durch kleine Veränderungen in den Gesprächsgewohnheiten eine spürbare Entlastung für alle Beteiligten erzielen. Auf der Suche nach Entlastung geht es nicht um Bewertungen im Sinne von richtigem oder falschem Verhalten, sondern das Team sucht zusammen mit den Patienten und Eltern nach neuen Wegen, die von allen Familienmitgliedern in der konkreten Situation als hilfreich und sinnvoll erlebt werden. Sollte von den Patienten oder ihren Eltern eine psychotherapeutische Betreuung am Heimatort gewünscht werden, erhalten sie Unterstützung bei der Suche nach einem niedergelassen Psychotherapeuten.
Pflegerische BetreuungChronische Schmerzpatienten haben meist ihren eigenen langen Leidensweg hinter sich, der viele Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte umfasst. Die Chronizität der Schmerzen und spürbare Hilflosigkeit der Patienten und der Familie und die unklare Diagnose führt häufig zu einer Verunsicherung, die beim Erstkontakt den Patienten und Eltern bei Eintreffen auf unserer Schmerzstation ins Gesicht geschrieben steht. Ausgangspunkt der Verunsicherung ist oft die Erfahrung, aufgrund fehlender objektiver Befunde bei stärksten Schmerzen, als Simulant hingestellt worden zu sein. Wir versuchen pflegerisch einen engen Kontakt zu unseren Patienten aufzubauen. Dabei steht für uns das Anerkennen und Ernst nehmen der Beschwerden und der Schmerzsymptomatik an erster Stelle. Dies ist Grundvoraussetzung, damit eine Vertrauensbasis zwischen Patient und Pflegepersonal sowie den Therapeuten aufgebaut wird. Die Schmerzsymptomatik schränkt häufig die Patienten so stark in ihren alltäglichen Vorhaben ein, dass ein normaler Tagesablauf mit regelmäßigem Schulbesuch, sportlichen Aktivitäten oder Kontakt zu Freunden immer weiter reduziert wird. Durch eine patientenorientierte Pflege wird unterstützend auf eine Normalisierung des alltäglichen Ablaufes hingearbeitet. Die Mahlzeiten werden gemeinsam im Aufenthaltsraum eingenommen und bilden den Tagesrahmen. Kontakte unter den Patienten sind so schnell geknüpft. Diese Gruppendynamik kann nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“ alleine positiv auf die Schmerzsymptomatik einwirken und wird durch das Pflegepersonal, wenn immer möglich, unterstützt. Das umfassende Therapieprogramm muss koordiniert werden, hierbei hilft die, dem Patienten zugeteilte, Kinderkrankenschwester/ pfleger. Sollte es bei der ein oder anderen Therapieeinheit an Motivation fehlen oder Unklarheiten bestehen, wird gerne weiter geholfen. Chronische Schmerzen zeigen häufig keinen entsprechenden körperlichen Befund. Auch ist ein wellenartig verlaufender Schmerz mit stark wechselnder Schmerzstärke eine Herausforderung für das Pflegepersonal, das mit Lokalmaßnahmen wie Wärme- Kälteapplikationen, Schröpfmassage oder individueller Bedarfsmedikation, Schmerzspitzen reduzieren kann. Durch unsere lange Erfahrung können wir einfühlsam auf die schwierige Situationen eingehen. Unabdingbar ist dabei der intensive Austausch von Pflegepersonal und den weiteren Therapeuten im Team. Dieser Kontakt findet in regelmäßigen Teamsitzungen statt. Optimiert wird dies durch professionell geleitete Teamsupervisionen. Dadurch wird ein schnelles Reagieren auf Veränderungen beim Patienten ermöglicht und der gute Kontakt zwischen Team und Patient verstärkt. So findet sich trotz der massiven Schmerzsymptomatik immer auch Platz für Freude und unbeschwerte wie positive Momente auf Station. Physiotherapie und andere aktivierende BehandlungenVor Beginn der Therapie erhebt der Physiotherapeut einen genauen Befund über Fehlhaltungen und funktionelle Störungen. Diese werden mit den geeigneten physiotherapeutischen Techniken behandelt.
Trainingstherapie Die Erfahrungen zeigen, dass Schmerzpatienten von einem aktiven Therapieprogramm profitieren. Dabei steht im Vordergrund das Geschick des Therapeuten, die Patienten trotz starker Schmerzen zur Bewegungstherapie zu motivieren. Unsere Kinder und Jugendliche trainieren täglich für mindestens eine Stunde im Fitnessraum an verschiedenen Geräten. Die Leistung wird während des stationären Aufenthaltes gesteigert. Zusätzlich nehmen die Patienten an Aquatraining, Tanztherapie und Bewegungsspielen teil. Es erstaunt uns immer wieder mit welcher Konsequenz und Begeisterung die meisten Patienten bei den aktiven Therapieeinheiten mitmachen, obwohl sie zu Hause oft jegliche körperliche Aktivität vermieden haben. In der Trainingstherapie können die Patienten am schnellsten ihre Erfolge messen. Ihr Selbstwertgefühl wird enorm gesteigert. Für den anhaltenden Erfolg ist ein Heimtrainingsprogramm wichtig, das während des stationären Aufenthaltes zusammen mit den Patienten entwickelt wird. Trainieren im Fitness-Center, Joggen, Radfahren oder Schwimmen mit Freunden sollten gezielt in den Tagesablauf zu Hause eingeplant werden.
Haltungs- und Bewegungsschulung Die inaktive Körperhaltung der Patienten, wirkt sich auf ihre Stimmung und Persönlichkeit aus. Über eine Haltungsschulung und Verbesserung des Körperbewußtseins mit Methoden wie Yoga, Taj Chi oder Feldenkrais-Technik läßt sich die Stimmung verbessern, die Persönlichkeit stärken. Wir optimieren Bewegungsabläufe und üben einzelne Bewegunssequenzen isoliert. Dies kann der Abrollvorgang beim normalen Gehen sein oder auch eine Bewegungsfolge beim Sport, z.B. der Aufschlag beim Tennis.
Stärkung der inneren Kräfte Das Wiedererlangen einer inneren Balance ist besonders wichtig für Kinder und Jugendliche, die ständig unter Leistungsdruck stehen und vielen Aktivitäten nachgehen. Wir behandeln mit craniosakraler Therapie, Reflexzonentherapie, Akupunktur oder anderen Therapien mit ganzheitlichem Ansatz. Kreative Fähigkeiten werden in der Ergotherapie gefördert. Mit Farbe, Ton und anderen Materialien entstehen Produkte, welche die Kinder stolz mit nach Hause nehmen können. Die Darstellung des eigenen Körpers mit verschiedenen Farben kann die Auseinandersetzung mit sich Selbst anregen, die Körperwahrnehmung verbessern – oder einfach nur Spaß machen. Sozialpädagogische Betreuung im Rahmen der Therapieeinheit 'Spiel & Bewegung'Ein mal wöchentlich starten Mitglieder des Sozialdienstes zusammen mit dem Psychologischen Dienst zu einer Therapieeinheit, bei der spielerische Bewegung und neue Erfahrungen im Mittelpunkt stehen. Dabei geht es nicht um Höchstleistungen oder gefährliche, spektakuläre Aktionen. Vielmehr ist das Ziel dieser „Spiel & Bewegung“ genannten Veranstaltung, neue und bekannte Erfahrungen gleichermaßen mit Freude und großer Achtsamkeit stattfinden zu lassen. Patienten und Betreuer nähern sich dem Abenteuer des täglichen Lebens an und suchen dabei, begrenzt vom Wetterfaktor, möglichst den Kontakt zur schönen Natur des Werdenfelser Landes. Sie brechen dann manchmal zu Wanderungen zu schönen Plätzen in der Umgebung auf, gehen Bogenschiessen, fahren mit der Sommerrodelbahn, spielen Minigolf, fahren auf den Naturseen der Umgebung Boot, gehen Baden oder unternehmen verschiedene, bei ungünstigen Wetterbedingungen „Indoor“-Aktivitäten. Eine gute Atmosphäre in der Begegnung spielt deshalb eine große Rolle für die Therapeuten, weil der Faktor Beziehung in der Kinderrheumaklinik als wesentliches Element einer heilenden psychosozialen Arbeit verstanden wird. Insofern streben wir ein verbindliches, aber auch ein unbeschwertes Beisammensein an, um dadurch die soziale Integration der Patienten zu fördern, ihr Selbstwertgefühl zu steigern und ihnen Mut für die Zukunft zu machen.
Ergänzende TherapieeinheitenSchmerzlindernde und muskelentspannende Maßnahmen: Wir bieten verschiedene Möglichkeiten an und die Patienten entscheiden selbst, was ihnen gut tut. Zur Auswahl stehen Kälte- oder Wärmepackungen, Fango, Elektrotherapie, Massage, Bewegungsbad und Wärmekammern mit Infrarotwärme. Diese entspannenden Therapien werden von den Kindern und Jugendlichen besonders gern angenommen. Sie stehen jedoch nicht im Vordergrund der Behandlung, da sie eher die passive Patientenrolle fördern´. PrognoseDie Prognose hängt entscheidend davon ab, ob Kinder und Eltern die Diagnose annehmen, und sich den Konflikten und ggf. Änderungen in der Lebensweise stellen. Den Erfolg der Therapie können wir an der sozialen Integration der Patienten ablesen. Oft reduzieren sich bereits nach der ersten stationären Behandlung die Fehlzeiten in der Schule deutlich. Viele Kinder werden daheim wieder aktiv und zeigen wieder Freude an Sport, Musik oder anderen Hobbies. Meist, aber nicht immer, geht damit auch eine Reduktion der Schmerzstärke einher. Belastungssituationen im Alltag können die Beschwerden verstärken, und eine erneute Therapie erforderlich machen. Da die Kinder und Jugendlichen bereits mit der Behandlung vertraut sind, reduziert sich jedoch die Länge der folgenden stationären Aufenthalte. Manchmal genügt ein Telefonat mit den Ärzten oder Psychologen, um die Patienten zu stärken und zu motivieren, und damit die Beschwerden wieder zu bessern. Bei einigen Patienten gelingt es über viele Monate oder gar auf Dauer die Schmerzen auf einem niedrigen, für den Alltag erträglichen Niveau zu halten. |
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