Ehemalige Patienten

Hier gewinnen Sie einen kleinen Einblick in unser 'Klinikleben'.
Patienten berichten aus ihrer Sicht und erzählen wie sie 'die Dinge sehen'.

Der etwas andere Reisebericht von Maiken Brathe

Zeitreise in die Rheuma-Kindheit:

Ehemaligen Patiententreffen der Kinderklinik Garmisch-Partenkirchen - Der etwas andere Reisebericht von Maiken Brathe

 Als mich die Email erreichte, konnte ich es kaum glauben: Concetta schrieb mir, meine kleine Concetta, die ich zuletzt vor zwanzig Jahren in der Kinderrheuma-Klinik Garmisch-Partenkirchen gesehen habe. Damals war sie zwölf Jahre alt, klein und zierlich und klebte wie eine Klette an mir. Natürlich schmolz mein Herz dahin für dieses tapfere Mädchen, das so kraftvoll gegen ihre Krankheit kämpfte, und ich schämte mich oft meiner eigenen Schwäche, wenn ich als junge Erwachsene vor Selbstmitleid zerfloss.

Einfach „gegooglet“ hatte Concetta mich und berichtete von ihrem selbstbestimmten Leben, ihrem eigenen Zuhause, ihrem umgebauten Bus und ihrer Arbeit als Jugendgruppenleiterin und freischaffende Malerin. Anbei sandte sie Bilder von einer jungen hübschen Frau, Anfang dreißig, nicht viel größer als das Mädchen von damals, aber selbstbewusst und charismatisch und natürlich mit den selben umwerfenden Augen! Ich weinte, als ich die Fotos sah und ahnte dabei nicht, dass mein ‚Wasserhaushalt‘ bald noch arg gefordert werden sollte.

 Concetta rief alle ehemaligen Patienten der Kinderklinik waren, zu einem gemeinsamen Treffen in Garmisch-Partenkirchen auf. Sie organisierte die Zusammenkunft, weshalb am letzten Augustwochenende mehr als vierzig „alte 6er-Hasen“, wie sie uns nannte, aufbrachen, um einander an dem Ort zu treffen, der für uns alle richtungsweisend für die Zukunft wurde.

 Meine Begeisterung, nach 17 Jahren wieder dorthin zu fahren, hielt sich eher in Grenzen. Natürlich war mir bewusst, dass ich der Kinderklinik meine jetzige Mobilität verdanke. Mit zehn Jahren erkrankte ich an Polyarthritis, erlebte wie so viele „Rheumakinder“ eine Odyssee durch Kliniken und zahlreiche falsche Therapien, bevor ich in Garmisch wieder das Gehen lernte und nun trotz teilweise deformierter Gelenke, ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

 Dennoch assoziierte ich Bayern immer gleich Krankenhaus = Heimweh = Schmerzen und etwas, was man dringend vermeiden müsse. Aber die Aussicht, Concetta wiederzusehen, war so verlockend, dass ich mich in mein Auto setzte, um die 900km gen Süden zu reisen. Die ganze Fahrt über hatte ich ein mulmiges Gefühl, ganz so, als müsse ich wieder in das Spital eingewiesen werden. Je näher ich kam, je „bayerischer“ das ganze Landschaftsbild sich präsentierte, desto nervöser wurde ich. Eine diffuse Angst machte sich breit, vielleicht vergessen worden zu sein, oder dass sich niemand außer Concetta freuen würde, mich zu sehen. Meine gesamte Unsicherheit, die ich damals als junger Mensch empfand, überrollte mich überraschend, je dichter ich meinem Ziel kam.

 Am späten Freitag Nachmittag trudelte ich in der Jugendherberge ein, sah die ersten Menschen, die ich optisch als „rheumatisch“ identifizierte, und sie erkannten auch an meinem Bewegungsapparat sofort, dass ich ein „alter 6er-Hase“ sein musste. Ein wenig kratzte das an meinem Selbstwertgefühl, bin ich doch immer so stolz darauf gewesen, dass in meinem „gesunden“ Umfeld niemand mir meine Schwerbehinderung ansieht. Aus ganz Deutschland, Österreich und Italien trafen im Laufe des Abends immer mehr ehemalige Patienten der Restaurant und unterhielten lauthals mit ihrer Wiedersehensfreude und ihrem ‚anderen‘ Erscheinungsbild das gesamte Lokal!

 Weiter nachzulesen im KID Juni 2009, der auf dieser Internetseite zu finden ist. Viel Spaß!

Rheuma - Ein Gedicht von unserer Patientin Ebru

Rheuma - Ein Gedicht von unserer Patientin Ebru Celik

Es fing alles mit 4 Jahren an.

Ich wusste nicht, dass ich war dran!

Meine Eltern fragten sich, was kann es sein?

 Windpocken warn an der Reihe,

hohes Fieber, und ich war nur am Schreien.

 Es vergingen die Tage, erhöhen tat sich die Klage!

 Die Windpocken verschwinden, das Fieber hat sich angeklemmt. Die Gelenke entzündeten sich, die Knie schwollen an wie Fußbälle, rot und schmerzhaft war jede Stelle!

 Ein Arztbesuch nach dem anderen,

ein Krankenhausaufenthalt nach dem anderen,

- meine Eltern ließen mich nicht fallen.

 Ich wurde 5 Jahre alt,

mein Arzt hatte sich schlau gemacht.

 "Rheuma stellte er fest, das gab meinen Eltern den Rest!

Er fand die Rheuma-Kinderklinik Garmisch bald,

meine Eltern haben sich sofort auf den Weg gemacht.

 700 km zurückgelegt, Klinik ausfindig gemacht,

- ich habe vor Schmerzen Tränen gelacht!

 Mittlerweile ist es schon 15 Jahre her,

doch einmal im Jahr komm ich noch immer daher.

Ich bin sehr froh und dankbar, - die Klinik ist einfach unanklagbar! 

Die Zusammenarbeit zwischen Patient und Personal

ist, wie sie sein muss, prima - total!

Denn das ist das Allerwichtigste,

denn somit erreichst Du das Nötigste!

Ebru Celik

Ein Krankenhaus zum Wohlfühlen

Ein Krankenhaus zum Wohlfühlen

Bericht von einem Besuch in der Rheumakinderklinik, Garmisch-Partenkirchen, Dezember 2001,von Anne-Regine Lorenz

Auf die Rheumakinderklinik in Garmisch-Partenkirchen war ich schon immer neugierig. Ich kenne einige Junge Rheumatiker in meinem Alter (heute 37), die früher jahrelang in der Kinderklinik in Garmisch-Partenkirchen behandelt wurden. An ihnen fiel mir auf, dass sie ein Gemeinschafts-gefühl verbindet, dass sie selbstbewusst und positiv mit ihrem Rheuma im Leben stehen und ihre Krankheit längst akzeptiert haben.

Ich war nicht in Garmisch-Partenkirchen behandelt worden, meine Eltern hatten sich damals dagegen entschieden. Sie wollten mich nicht aus meiner vertrauten Umgebung reißen, ich sollte weiter das Gefühl haben, dazuzugehören. Und ich sollte nicht sehen müssen, wie zerstörerisch Rheuma sein kann. Aber ich war plötzlich anders. Ich hatte schwer Rheuma, mein Leben brach zusammen und allein das reichte, mir das Gefühl zu geben, nicht mehr dazuzugehören. Ich fühlte mich fremd und falsch mit meinen gesunden Geschwistern und mit meinen gesunden Schulfreunden. Ich war sehr einsam, weil da niemand war, an dem ich mich orientieren konnte. Es galten für mich die gleichen alten Maßstäbe der Gesunden und ich konnte nicht mehr genügen.

Ich kam also, mit 14 Jahren, in die nächstgelegen Rheumaklinik, war mit Abstand die jüngste dort, und das blieb viele Jahre so. Ich war immer das bestaunte und bemitleidete "arme Ding", das so jung war und schon "Rheuma" hatte. Das Trauma meiner ersten Krankenhausaufenthalte unter Erwachsenen hat mein Leben sehr stark geprägt. Einer Freundin, einer" Ex-Garmischerin"", schilderte ich, wie sehr mich die Schönheit der Landschaft um GarmischPartenkirchen erfüllte. Sie könne das nicht empfinden, sagte sie, denn sie verbinde mit dieser Landschaft die vielen langen Aufenthalte in der Kinderklinik. Ich antwortete ihr, dass ich bei jedem Krankenhaus Beklemmungen bekomme.

Nun bin ich also im Dezember 2001 in der Gegend und Bernhard Fauser zeigt mir die Rheumakinderklinik. Das Gebäude liegt mitten in einem Wohngebiet von Einfamilienhäusern, zwar etwas größer als die anderen Häuser, aber nicht exponiert, schon das finde ich sympathisch. Im Wartebereich Babys und Kinder mit Ihren Eltern und auf kleinen Rädern sind andere Kinder auf den Fluren unterwegs. Es wird einem gleich klar: Das ist ein Kinderhaus.

Der Turnsaal ist wie ein großes Wohnzimmer, bunt eingerichtet und durch Glaswände hell. Er scheint das Zentrum des Hauses zu sein. Nachmittags um 17 Uhr ist er voller Menschen. Bernhard Fauser erklärt mir, dass man sich dem Rhythmus der Kinder anpasse und dass nachmittags, nach Schule und Freizeitpause, Gymnastik sei. Kinder unterschiedlichen Alters machen nebeneinander ihre Übungen. Manche üben alleine und fahren beispielsweise auf dem Ergometer, andere erhalten von Gymnastinnen und Gymnasten die steifen Gelenke gedehnt. Die Kleinsten spielen auf Matten am Boden und merken kaum, dass ihnen ein Therapeut zur Seite ist, der sie dabei behandelt ihre Konzentration bleibt beim Spiel. An der Wand hängen von den Kindern selbst gemalte Stundenpläne. An diesem Nachmittag ist der Orthopädieschuhmacher da. Auf einer Therapiebank sitzen die Kinder Seite an Seite beieinander und nehmen ihre Schuheinlagen mit Zebramuster oder in bunten Farbkombinationen entgegen. Die Atmosphäre von Ernsthaftigkeit und Fröhlichkeit beeindruckt mich. Die Räume der Ergotherapie sehen so richtig nach Werkstatt und Arbeit aus. Ein Junge arbeitet in den letzten Zügen an der Fertigstellung seines Werkes, bevor es für ihn am andern Tag nach Hause geht. Vor einer Station, die ich besuche, liegen mehrere Roller. Was für eine tolle Idee finde ich: Die Kinder sind mobil auf den langen Wegen im Haus, und das mit einem Spielgerät. Im Stationszimmer knien eine Schwester und zwei Kinder am Boden und reparieren gerade einen Roller. Man weiß hier, was wichtig ist. In manchen Zimmern stehen so viele Betten, dass sie fast eine Bettwiese bilden. Kränkere Kinder aber, die Ruhe brauchen, liegen nicht in solch vollen Zimmern. In anderen Zimmern schlafen kleine Patienten, ihre Mütter sitzen dabei und abends falten sie die Klappbetten auf und sind so auch in der Nacht bei ihren Kindern. In der Kaffeeküche sitzen einige Mütter und unterhalten sich. Ich sehe den etwas altmodischen Schultrakt mit dem Namen der Klasse und des Lehrers an jeder Schulzimmertür. Mir fällt auf, wie wenige Kinder von Kortisonbehandlungen gezeichnet und dadurch kleiner geblieben sind. Bernhard Fauser sagt mir, dass die Ärzte sehr zurückhaltend mit der Verordnung von Kortison seien und sich um Alternativen bemühen. Mit Stolz erzählt er mir, wie verspritzt die Fensterscheiben des Schwimmbeckens an Schwimmtagen seien, weil die Kinder so ausgelassen im Wasser tollen. Bernhard Fauser und Andrea Eichenmüller, zwei Mitarbeiter des Sozialdienstes der Klinik, die ich kennen lerne, sind ausgesprochen engagiert. Sie verstehen die Situation "ihrer" Kinder und wollen wirklich, dass es ihnen gut geht.

Ich bin angetan: Das Gebäude mag etwas alt und renovierungsbedürftig sein, aber der Geist in der Klinik ist lebendig. Hier packt man das Leben an. Ich glaube, hier lernen die Kinder und ihre Familien, keine Angst vor dem Rheuma und den Therapien zu haben. Sie erfahren Gemeinschaft und gewinnen Zukunft.

Anne-Regine Lorenz

Die Villa Kunterbunt

Die Villa Kunterbunt - von Hanna Labus

Gestern abend, als das Essen anbrannte, die Kuh kalbte, als es zum Dach reinregnete, als ich am liebsten auf und davon gelaufen wäre, weil sich der Berg Arbeit immer höher auftürmt, rief Frau Eichenmüller an: ob ich bis morgen einen Beitrag über die Villa Kunterbunt schreiben kann?-----„Nein, leider, kann ich nicht . Weil: dieses und jenes ist bei uns passiert , und dann kam auch noch dies dazu und obendrein das. Nein, es geht nicht.“

So, und heute sitze ich doch da und schreibe. Dabei war ich so stolz, endlich mal nein gesagt zu haben. Aber vor 2 Jahren, als meine Tochter krank wurde, hatte ich eigentlich auch keine Zeit für Rheuma. Ich musste sie haben, und siehe da es ging. Und in der Klinik hatte man Zeit für uns, und in der Villa auch. Also schreibe ich jetzt. Allerdings steht neben mir der Küchenwecker. In einer Stunde wird er läuten. Dann setze ich einen Punkt, egal wie weit ich gekommen bin. Dann ist das Werk fertig. Einverstanden?

Also: Die Villa Kunterbunt ist ein großes neues Haus, weiß mit roten Fensterläden, Balkone, ein großer Garten drumrum, Spielgeräte für die Kinder, Blick auf`s Wettersteingebirge. Ruhig, aber „zentral“ gelegen: man ist zu Fuß in 2 Minuten in der Klinik. Super!

Wenn man des erste Mal in der Villa einzieht, tut man dies in einem seelischen Zustand, der zweifeln läßt: Entweder man hat eine monatelange Leidensgeschichte mit Ärzte-Odyssee hinter sich, oder man steht unter Schock, weil man doch gestern noch ein gesundes Kind hatte. Das ist heute vorbei! Vielleicht für immer.

Dieses Häufchen Elend wird also von einem netten Menschen des Sozialdienstes in die Villa geführt, das hier ist die Küche, hier ist Ihr Fach, dieser Schlüssel ist für dies, jener Schlüssel für das. Hier ist Ihr Zimmer, Sie teilen es mit Frau Soundso, dort finden Sie das Bettzeug ... Hausordnung ... Villabesprechung ... wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an uns. Nein, man hat keine Fragen. Man hat zu allem verständig genickt, genauso wie vorher in der Klinik beim Arztgespräch. Verstanden hat man natürlich gar nichts. Im Kopf herrscht Chaos, dirigiert von der Angst um´s Kind, die jetzt alles im Griff hat. Man packt seine Sachen in den Schrank. Man überzieht das Bett da soll ich jetzt schlafen. Hoffentlich ist´s nur für ein paar Tage.

Irgendwann traut man sich dann in die Küche. Da wirtschaften doch tatsächlich ein paar Mütter (vielleicht sogar auch ein Vater) mit Geschirr und lockerem Geplauder, als wären sie hier zu Hause! Man ahnt: die sind schon länger da. Vielleicht wissen die, wo hier in Garmisch ein Bäcker ist, denn allmählich meldet sich der Hunger. Natürlich wissen sie es, und sie wissen auch gleich, dass man nagelneu ist in der Villa. „Sie sind wohl zum ersten Mal da?“ „Ja und Sie?“ „Ach, so genau weiß ich das nicht. 15 oder 17 mal sind es schon. Anke, weißt Du, wie oft ich schon hier war?“ „Lass mich überlegen. Ich bin das 20. Mal da. Beim 3. Mal hab ich Dich kennengelernt. Kannst recht haben mit 15 oder 17 mal.“ Der Neuling ist entsetzt! „und wie lange sind Sie jetzt also diesmal schon da?“ „Seit 11 Tagen erst, und in 3 Tagen dürfen wir heim“.

Mit solchen Zeitspannen hantiert man hier also! Am Abend setzt man sich dann schüchtern zu den anderen an den großen Küchentisch. Und man stellt fest, dass hier Rheumaspezialisten sitzen! Die können all das erklären, was man von den Ärzten gehört, aber nicht kapiert hat, weil alles so neu war. Sie geben Ratschläge und fragen nach, sie erzählen die eigene Geschichte, die oft weit schlimmer ist als die eigene. Endlich ist man nicht mehr alleine! Man bleibt sitzen und sitzen, obwohl man vorher noch so fertig war wie nie im Leben.

Übrigens: Wer einmal alle deutschen Dialekte an einem Tisch hören möchte, der setzt sich in der Villa in die Küche. Das Sprachgewirr wird oft noch bunter wenn Holländer, Türken, Russen usw. dabei sind. Bayern sind eher rar. Und es geht auch nicht immer nur um die Krankheit. Manchmal ist der Bär los in der Küche. Eine komische Geschichte jagt die andere, man biegt sich vor Lachen. Es gibt Abende, da sitzt alles stumm vor der Glotze im Wohnzimmer, die Stricknadeln klappern. Es gibt Frühstücksrunden an denen ausschließlich Marmeladenthemen besprochen werden, oder Frühstücke an denen spekuliert wird was einen erwartet, wenn man heimkommt, nach 3 Wochen Garmisch. Anwesende Väter reden da meist nicht mit.

 Dicke Freundschaften sind in dieser Villa entstanden. Es gibt Mütter, die man nur im Doppelpack kennt: „weiß jemand wie es Lisa und Sabine geht?“

Zurück zu unserem Neuling: Nach zwei, drei Tagen kann er genauso sicher in der Küche werken wie die Veteranen. Er kann einem noch neueren Neuling erklären wo der Bäcker zu finden ist, wo die Teller hingehören, wo das Gästebuch liegt. Wenn dann nach Tagen oder Wochen der ersehnte Abreisetag kommt, hat er eine unglaubliche Menge gelernt. Und wenn er dann nach Wochen oder Monaten wiederkommt, betritt er die Villa ganz anders, als er es das erste Mal getan hat.

Liebe Grüße an alle Villabewohner! Ihr habt mir sehr geholfen.

Hanna Labus

Vor dem Schreibtisch – hinter dem Schreibtisch

Vor dem Schreibtisch – hinter dem Schreibtisch - von Michaela Fritsch

Sommer 1996 - Endlich überreicht uns der Schulleiter der Gesamtschule die Zeugnisse. Ich halte meinen Realschulabschluss in der Hand. Noch ist es etwas schwierig, denn ich bin gestern erst aus dem Krankenhaus entlassen worden und nach der Knie -OP benötige ich noch beide Gehstützen. Ich werde als Einzige meines Jahrganges die gymnasiale Oberstufe besuchen. So fallt der Abschied von den bisherigen Klassenkameraden etwas schwer. Doch ich möchte Lehrerin werden. Ohne Abitur ist mein Traumberuf wohl nicht zu realisieren. Also besuche ich nach den Sommerferien die Oberstufe eines nahegelegenen Gymnasiums. Neue Lehrer, neue Schule, neue Klassenkameraden. Alles ist neu und vieles muss wieder erkämpft werden: Sportbefreiung, Schreibverlängerung bei den Klassenarbeiten etc. Leider ist der Stundenplan so ungünstig, dass ich nach jeder Schulstunde Treppen steigen muss. Von oben nach unten und dann wieder nach oben. Ein ewiges hin und her. Der Unterrichtsstoff ist anstrengend und ich merke erst jetzt, was ich eigentlich alles noch lernen muss, um mithalten zu können.Die Hausaufgaben dauern lange und wollen nicht enden, denn ich will ja einiges aufholen. Doch da ist ja ein Ziel: mein Traumberuf. So mühe ich mich und nach einiger Zeit sind die ersten Erfolge zu verzeichnen, denn ich kann mich endlich auch aktiv am Unterricht beteiligen. Doch dann kommt alles anders:

Die rheumatische Entzündung wird immer stärker und ich muss nach einigen Tagen zu Hause in einer Rheumaklinik aufgenommen werden. Drei Wochen werde ich mit Cortison und allerlei anderen Medikamenten vollgestopft Verschiedene Therapien werden ausprobiert Leider verschafft mir eine Spritze in das Kniegelenk eine Verlängerung des Klinikaufenthaltes um eine Woche, denn ich kann am vorgesehenen Entlassungstag keinen Schritt mehr gehen. Die Entzündung im Kniegelenk ist so stark geworden, dass ein weiterer Cortisonstoß folgen muss. Sechs Wochen habe ich schon in der Schule gefehlt, die Mitschüler haben mir zwar alle Unterlagen geschickt, doch ich werde die Lücke nicht mehr schließen können. Dafür hat mir beim Wechsel von der Realschule in die gymnasiale Oberstufe schon zuviel gefehlt. Was soll ich nun machen? Dass ich die 11. Klasse wiederholen muss, ist mir aufgrund der vielen Fehltage klar. Doch gibt es vielleicht auch noch eine andere Möglichkeit? Ich will mich auf jeden Fall über Alternativen informieren.Ich erhalte einen Termin bei der Berufsberatung des zuständigen Arbeitsamtes. Bei diesem Gespräch sitzt meinen Eltern und mir ein netter Berufsberater für Schwerbehinderte und Rehabilitanden gegenüber. In dem Gespräch zeigt er mir mehrere Möglichkeiten auf, die für mich in Betracht kommen. Er schlägt mir vor, einen Berufsausbildungsplatz zu suchen. Doch Mitte November sind die guten Ausbildungsplätze meist schon besetzt. Außerdem ist da ja noch mein Traumberuf. Wie kann ich ohne Abitur Lehrerin werden? Schnell ist geklärt, dass ich mit der mittleren Reife Erzieherin oder Kinderkrankenschwester werden kann, aber nicht Lehrerin! Doch für beide Berufe, die ohne Abitur möglich sind, bin ich wohl körperlich nicht geeignet.Also suchen wir nach einem passenden Beruf für mich. Zwei Bedingungen gibt es: Der Beruf soll im sozialen Bereich sein und etwas mit Menschen zu tun haben.Drei Stellenangebote für einen Ausbildungsplatz nehme ich mit nach Hause. Ich sende wenige Tage später meine drei Bewerbungen an eine Krankenkasse, die Betriebskrankenkasse eines großen Automobil-konzerns und das Arbeitsamt. Der Berufsberater hat mich auf Aus-bildungsplätze beim Arbeitsamt hingewiesen.Auf die Bewerbungen kommen sehr schnell die Rückantworten: Bei der Krankenkasse sind bereits alle Plätze besetzt. Der Automobilkonzern lädt zu einem Eignungstest Mitte Januar ein. Beim Arbeitsamt habe ich einen Vorstellungstermin Ende Januar.Der Eignungstest beim Automobilkonzern ist anstrengend, da man stundenlang stillsitzen und sich konzentrieren muss. Irgendwie ist es eine Massenabfertigung, denn über 100 junge Leute nehmen an diesem Test teil. Ich mache mir also keine großen Hoffnungen, denn ich habe in den Bewerbungen auf meinen Schwerbehindertenausweis hingewiesen. Die Absage kommt erst im Juni 1997. Das Vorstellungsgespräch beim Arbeitsamt verläuft sehr gut. Verwaltungs- und Ausbildungsleiter sind sehr nett und wir reden offen über mögliche Probleme während der Ausbildung. Irgendwie habe ich ein positives Gefühl nach diesem Gespräch. Hier würde ich gerne arbeiten. Banges Warten beginnt. Doch schon einige Tage später kommt die Einladung zur Eignungsuntersuchung. Sie verläuft gut und ich bin zumindest körperlich für diesen Beruf geeignet. Tatsächlich kommt einige Zeit später die Einstellungszusage. Ab 01.09.1997 bin ich Auszubildende des Arbeitsamtes. Hurra!!! Doch in den sieben Monaten bis zur Einstellung kann ich nicht zu Hause rumsitzen und nichts tun. In die Schule gehen und versuchen, das Versäumte aufzuholen ist sinnlos, denn ich werde die 11. Klasse nicht wiederholen. Das steht jetzt endgültig fest. Also frage ich im örtlichen Kindergarten nach, ob ich dort für sieben Monate als Praktikantin arbeiten kann. Schließlich habe ich immer noch meinen Traumberuf im Hinterkopf: Lehrerin. Ich arbeite vom 01.02.1997 bis 31.07.1997 im evangelischen Kindergarten von 7.00 -14.00 Uhr. Donnerstags gehe ich doch noch in die Schule, denn Berufsschulpflicht besteht noch für mich. Es ist eine wunderschöne Zeit und ich genieße es mit den Kindern zu spielen, zu basteln, oder durch den Garten zu toben. Ein besonderes Erlebnis ist allerdings mein 18.Geburtstag. 125 Kinder feiern mit mir und lassen mich „Hoch leben". Im Mai 1997 werde ich zur Unterzeichnung des Ausbildungsvertrages eingeladen. Dort lerne ich auch zum ersten Mal die anderen sieben Auszubildenden und das Team der Aus- und Fortbildung des Arbeitsamtes kennen. Am 01.09.1997 beginne ich meine Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsförderung. Die Berufsschule findet in Frankfurt statt und so pendeln wir blockweise hin und her. 6 Wochen Frankfurt, dann wieder 6 Wochen Praktikum und Fachpraxis im Heimatarbeitsamt. So geht das immer weiter. Bei mir kommen leider noch drei Krankenhausaufenthalte hinzu, bei denen ich wieder einige wichtige Unterrichtsstunden verpasse. Doch die anderen Auszubildenden machen mir Kopien von ihren Aufzeichnungen und so kann ich das Versäumte einigermaßen nachholen. Nach der Zwischenprüfung habe ich die Möglichkeit die Ausbildungszeit zu verkürzen. Ich bin etwas skeptisch, denn meine rheumatische Entzündung ist immer noch sehr aktiv und ich muss jederzeit mit einem längeren Klinikaufenthalt rechnen. Doch mein Ausbildungsleiter redet mir gut zu, und so verkürze ich meine Ausbildung. Am 21.03.2000 ist endlich die mündliche Prüfung. Ich bestehe sie mit gutem Erfolg und bin endlich Fachangestellte für Arbeitsförderung. Seit dem 22.03.2000 arbeite ich als Bearbeiterin im mittleren Dienst. Viele verschiedene Tätigkeiten habe ich bereits ausgeübt. Immer habe ich dabei mit Menschen zu tun. Mittlerweile bin ich sogar befördert worden, als Erste meines Ausbildungsjahrgangs. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, so habe ich doch meinen Traumberuf verwirklicht. Ich bin ”Lehrerin”! Ob es die Erklärungen und Unterweisungen während des Praktikums der Auszubildenden, das Anlernen eines neuen Kollegen oder die Hilfe bei einem Computerproblem sind. Irgendwie bin ich doch Lehrerin, denn ich erkläre jemand anderem etwas. Ich habe zwar im Moment wenig mit Kindern zu tun, doch begleiten immer wieder Kinder ihre Eltern. Sie freuen sich über ein kinderfreundliches Büro, in dem es Malstifte und Gummibärchen gibt. Ja, und wenn ich in die Berufsberatung komme, bin ich unendlich dankbar und glücklich. Auch wenn ich meinen eigentlichen Traumberuf verloren habe, so habe ich einen neunen Beruf gefunden, den ich liebe. Ich wünsche allen jungen Menschen eine solche positive Erfahrung (hoffentlich durch den Berufsberater). Ich würde mich freuen, wenn ich in Zukunft einige der jungen Rheumatiker nicht nur vor meinem Schreibtisch treffe, sondern auch hinter dem Schreibtisch, als Kollegen.

Bis dann!

Michaela Fritsch