Seite 26-27 - Jubilaeumsbroschuere 2012 DZKJR - SPZ

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Hier war man nicht einfach krank, hier war man einfach Kind! Wir trafen uns auf
gleicher Augenhöhe, selbst wenn ein Teenager die Größe eines Achtjährigen hatte.
Wir packten einander nicht in Watte, ärgerten uns, wie Kinder sich halt ärgern,
ohne den Status der Unberührbaren zu haben, den besorgte Eltern manchmal ihrem
kranken Nachwuchs verleihen. Das hat uns für das Leben stark gemacht. Wir waren
hier der leibhaftige Beweis!
Als ich mich nach diesem Wochenende in meinen Wagen setzte, um Richtung Nor-
den zu fahren, saß auf dem Beifahrersitz nun eine bittersüße Beschwingtheit, die
mich die 900km heimwärts lachen und weinen ließ. Ich war ratlos angesichts der
Intensität dieser Erfahrung von Geborgenheit. Niemals bin ich so sehr akzeptiert
worden.
Wie konnte ich vergessen, wie wichtig mir diese Menschen waren und wie unfassbar
schön es ist, dass auch ich tiefe Spuren in dem Leben anderer hinterlassen habe.
Manchmal genierte ich mich, humpelnd mich den Blicken anderer zu stellen. Aber
nach diesem Treffen, dieser Begegnung mit diesen Menschen, gehe ich hoch erho-
benen Hauptes durch die Welt. Und wenn mir jemand sagt, ich sei anders, antworte
ich: „zum Glück“, und denke an Concetta und all die anderen.
Absturz bewahrt haben. Das schafft eine unzerstörbare Intimität, so weiß ich jetzt,
die man keinem vermitteln kann, der nicht selbst eine Extremsituation mit anderen
geteilt hat.
Heute stehen wir ehemalige „Rheumakinder“ alle fest im Leben, auch wenn un-
ser Besuch wie eine Reise in der Zeitmaschine war, die uns hat spüren lassen, wie
unbeschwert auch eine Kindheit mit Krankheit sein kann. Trotz Schmerzen. Trotz
Heimweh. Trotz Diskriminierung von außen. Denn hier, in der Kinderklinik, waren
wir nicht allein. Wir waren einfach wir selbst, ohne den Erwartungsdruck einer „ge-
sunden“ Außenwelt.
Die Zeitreise begann: Schwester Angelika führte uns durch die Kinderklinik, und wir
fühlten uns wie bei einer Expedition in die Vergangenheit, lachten bei der Erinne-
rung an den Tagesraum und den Rufen nach „Wer will noch Kindertee“ und weinten
beim Besuch des Turnsaals, in dem wir uns so sehr bei unserer Physiotherapeutin
Carola von Altenbockum geborgen fühlten. Gleich, ja gleich, so kam es uns vor,
könnte sie den Raum betreten. Sie war mein größter Halt in dieser Zeit.
Später wandelten wir durch die atemberaubende Landschaft zum Hausberg, der uns
damals unerreichbar fern erschien, und besuchten die Bank - „unser aller Bank“ -
am Rand des Ortes, direkt beim örtlichen Misthaufen. Die Bank war für uns alle der
best erreichbarste Rastplatz in der Nähe der Klinik. Hier war man „draußen“, in der
Natur, jenseits des Klinikalltages, zum Durchatmen.
Eine größere Strecke zu bewältigen, war für die meisten nicht möglich. Dieser Ort
war Oase und Asyl in einem. Wer hätte gedacht, dass man mit Wehmut eine Bank
in der Nähe eines Misthaufens betrachten würde, aber an diesem Wochenende war
alles möglich. Noch mehr Wehmut gab es nur, weil unser Dr. Ackermann am Treffen
nicht teilnehmen konnte. Aber Dr. Michels war da, unser ehemaliger Oberarzt und
zu diesem Zeitpunkt Chefarzt der Klinik. Es war beeindruckend, wie er uns erkannte
und sogar noch wusste, welche Träume wir im Leben hatten.
Unser alter Chefarzt, Prof. Dr. Truckenbrodt, nahm uns am letzten Tag in seine Arme,
als wären wir, erwachsene Menschen, allezeit „seine Kinder“ von damals. Und ich
weiß, genau das werden wir immer tatsächlich sein! In dieser Kinderklinik sind wir
der Isolation entkommen, die ein „gesundes Umfeld“ uns oft unfreiwillig zudachte.
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