Seite 24-25 - Jubilaeumsbroschuere 2012 DZKJR - SPZ

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Wenn ich als Nordlicht an Bayern denke, dann denke ich nur an die Kinderrheuma-
klinik in Garmisch-Partenkirchen. Als Deern vom platten Land zwischen Nord- und
Ostsee waren es nicht die Alpen, die mich faszinierten, oder die Leute im Dirndl und
in krachenden Lederhosen, die für meine Ohren so seltsam sprachen. Nein, es waren
die Menschen, die mich an einem fremden Ort „Zuhause ankommen“ ließen; einem
Ort der eigentlich mit Angst verbunden ist: dem Krankenhaus.
Allerdings bedurfte es einer kleinen, charismatischen Frau, um mir das bewusst zu
machen. Concetta Tatti organisierte 2008 ein Treffen ehemaliger Patienten der Sta-
tion 6. Aus ganz Deutschland kamen wir zusammen, aus Österreich und Italien, um
einander zum Teil nach mehr als 20 Jahren wiederzusehen.
Als ich meine Reise startete, saß direkt neben mir auf dem Beifahrersitz eine maß-
lose Befangenheit. Sie klammerte sich immer mehr an mich, je näher ich kam. Und
sie ließ es zu, dass ich mit Angst im Herzen meinen Zielort betrat: Wird sich jemand
an mich erinnern? Was wird es emotional mit mir machen, wenn ich wieder dort
bin, wo ich so oft vor Heimweh alles Bayrische im Teenagerzorn verflucht habe? Ich
kam mir vor wie Quasimodo; „humpelig“ von der langen Autofahrt; dünnhäutig in
meiner Angst vor Ablehnung.
Niemals, absolut niemals hätte ich erwartet, mit welcher Intensität wir uns alle
sofort wieder vertraut waren! Es war ein unbeschreibliches Gefühl, in die vertrau-
ten Gesichter von Menschen zu blicken, deren schlimmsten Lebens-Tiefpunkte man
miterleben durfte und die in meine Abgründe mit mir geschaut und mich vor dem
Ehemalige
Patienten erzählen
„Zur karitativen Hochform lief v. Bülow auf, nachdem er für 1964/65 zum District
Governor gewählt worden war. Die grundlegende Erforscherin von Kinderrheuma
als eigenständiger Krankheit, Prof. Dr. Elisabeth Stoeber, hatte ihn zuvor davon
überzeugt, dass es für die Behandlung dieser schlimmen Krankheit einer eigenen
Klinik bedürfe. Mit intensivstem persönlichem Einsatz brachte er Lions Clubs in
ganz Deutschland dazu, die damals sensationell hohe Spende von 1 Million DM für
den Klinikbau aufzubringen.
Dieser massive Anschub überzeugte auch die „Rummelsberger Anstalten der inneren
Mission“ als Sachaufwandsträger. Noch überzeugender war allerdings, dass er 1968
den für den Klinikbau notwendigen Grundstückstausch mit der Bundesbahn ohne
jegliche Vollmacht listenreich eingefädelt hatte.
Als dann nochmals Bedenkenträger alles abzuwürgen drohten, ließ er Bagger auf-
fahren und er inszenierte einen Baubeginn, der weder genehmigt noch von Rum-
melsberg angesagt war. Er siegte. Die Klinik wurde gebaut und entwickelte sich zum
weltweiten Vorzeigeprojekt.“
Aus dem Nachruf von
„Hans-Werner von Bülow, 17.3.2009“
geschrieben von Gerd Rößler
Hans-Werner von Bülow
Zur Gründungsgeschichte
der Kinderklinik
Garmisch-Partenkirchen
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Concetta Tatti & Maiken Brathe
von Maiken Brathe